Ich saß letztes Jahr an einem Angebot für eine Kundin und habe es dreimal umgeschrieben. Der Inhalt war gut, das wusste ich eigentlich auch. Aber in meinem Kopf lief die ganze Zeit so eine Stimme mit: „Das kannst du nicht verlangen. Die merkt doch sofort, dass du das alles nur zusammengebastelt hast.“
Das Angebot war sauber, die Leistung klar definiert, meine Erfahrung sprach für sich. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, ich würde jemanden belügen, wenn ich mich als Expertin positioniere.
Falls du das kennst: Bleib dran. Du bist damit alles andere als allein.
Was ist dieses Impostor Syndrom eigentlich?
Das Impostor Syndrom, oder Hochstapler-Phänomen, beschreibt ein Gefühl, das ungefähr so funktioniert: Du bist erfolgreich, du lieferst ab, deine Kundinnen sind zufrieden. Aber innerlich bist du überzeugt, dass du das alles nicht verdient hast, dass du einfach Glück hattest und die anderen es nur noch nicht gemerkt haben.
Erstmals beschrieben haben das Phänomen 1978 die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes. Sie beobachteten hochqualifizierte, erfolgreiche Frauen, die trotz aller Beweise für ihre Kompetenz davon überzeugt waren, eigentlich Hochstaplerinnen zu sein. Seitdem zeigt die Forschung: Rund 70 Prozent aller Menschen erleben dieses Gefühl mindestens einmal im Leben. Übrigens konnte die Forschung keine eindeutigen Geschlechterunterschiede belegen. Männer wie Frauen sind betroffen, nur reden Frauen tendenziell offener darüber.
Und ein wichtiger Punkt vorweg: Das Impostor Syndrom ist keine psychische Erkrankung. Prof. Sonja Rohrmann von der Uni Frankfurt nennt es lieber „Impostor-Selbstkonzept“, weil das Wort Syndrom sofort an Krankheit denken lässt. Es ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Bei den meisten ist es ein vorübergehendes Gefühl in bestimmten Situationen.
Warum es Selbstständige besonders trifft
Im Angestelltenverhältnis gibt es wenigstens ein paar Strukturen, die einem ab und zu bestätigen, dass man seinen Job gut macht: Beförderungen, Gehaltserhöhungen, Feedback vom Team. Als Selbstständige fällt das alles weg. Du bist deine eigene Chefin, deine eigene Personalerin und meistens auch deine schärfste Kritikerin.
Dazu kommt der ständige Vergleich auf Social Media. Bei den anderen sieht es immer so aus, als hätten sie alles im Griff: perfekte Website, voller Terminkalender, souveräne Positionierung. Und du sitzt da, zweifelst an deinem Stundensatz und fragst dich, ob du das Wort „Expertin“ überhaupt benutzen darfst.
Bei mir war es besonders schlimm, wenn ich mich mit anderen verglichen habe. Und ehrlich, das habe ich lange gemacht. Ich habe mir LinkedIn-Profile angeschaut und gedacht: „Die hat viel mehr Erfahrung als ich. Was bilde ich mir eigentlich ein?“ Dass ich gleichzeitig ein laufendes Business geführt, Kundinnen betreut und Frau mit Bizz mit aufgebaut habe, hat diese Stimme in meinem Kopf erstaunlich gut ignoriert.
Wie sich das anfühlt (und warum es so tückisch ist)
Das Fiese am Impostor Syndrom: Es wird nicht besser, je erfolgreicher du wirst. Eher im Gegenteil. Je mehr Verantwortung du trägst, desto mehr Angriffsfläche hat die innere Stimme. Jedes neue Projekt kann sich anfühlen wie der Moment, in dem „es auffliegt“.
Bei mir äußert sich das zum Beispiel so: Eine Kundin bedankt sich und sagt, wie zufrieden sie ist. Ich freue mich kurz. Und dann kommt sofort der Gedanke: „Naja, das Projekt war ja auch nicht so schwer.“ Erfolge kleinreden, Misserfolge persönlich nehmen. Das läuft irgendwie automatisch.
Das Tückischste daran ist, dass die meisten nicht darüber reden. Weil alle anderen so souverän wirken, hält man seine eigenen Zweifel für ein persönliches Versagen. Dabei sitzen in jedem Raum mit zehn Unternehmerinnen statistisch gesehen sieben, die genau das kennen.
Was mir wirklich geholfen hat
Ich schreibe hier bewusst keine „5 Tipps gegen das Impostor Syndrom“-Liste, weil es da keine schnelle Lösung gibt. Aber ein paar Sachen haben bei mir einen echten Unterschied gemacht.
Darüber reden. Das war für mich das Wichtigste. Als ich bei einem unserer Netzwerktreffen zum ersten Mal offen gesagt habe, dass ich mich manchmal frage, ob ich eigentlich gut genug bin, kam von fast allen am Tisch die gleiche Reaktion: „Oh Gott, ich auch.“ Das war der Moment, in dem ich verstanden habe, dass meine Selbstzweifel kein Beweis für meine Inkompetenz sind. Sondern einfach dafür, dass ich mir Dinge zutraue, die mich herausfordern.
Fakten sammeln. Ich habe angefangen, positives Feedback zu sammeln. Keine Selbstbeweihäucherung, sondern ein Gegengewicht zum inneren Kritiker. Wenn die Stimme wieder sagt „Du kannst das nicht“, schaue ich mir die Nachrichten und Bewertungen an, die was anderes erzählen. Das hilft nicht immer, aber oft genug.
Weniger vergleichen. Ich scrolle deutlich weniger durch Business-Content auf LinkedIn als früher. Die Inhalte sind nicht schlecht, aber ich habe gemerkt, wie schnell ich in den Vergleichsmodus rutsche. Und der führt bei mir zuverlässig zum Impostor-Gefühl.
Selbstzweifel nicht als Feind sehen. Wer nach mehr strebt, wird sich manchmal wie ein Hochstapler fühlen. Das gehört dazu. Es zeigt, dass du wächst. Auch die Forschung der Uni Halle-Wittenberg bestätigt: Das Impostor-Gefühl hat nichts mit tatsächlicher Intelligenz oder Kompetenz zu tun. Erst wenn die Zweifel dich komplett blockieren, wird es zum Problem. Solange sie nur ein bisschen pieksen: weitermachen.
Was das mit Netzwerken zu tun hat
Studien zeigen, dass soziale Unterstützung das Impostor-Phänomen abmildern kann. Und genau das habe ich bei Frau mit Bizz erlebt. Wir klopfen uns nicht gegenseitig auf die Schulter und sagen „Du bist toll!“. Aber wir sind ehrlich miteinander. Jemand sagt: „Ja, das kenne ich. Und ja, du kannst das trotzdem.“
Das ist für mich der Unterschied zwischen oberflächlichem Netzwerken und dem, was wir bei FmB machen. Hier übertrumpft sich niemand mit Erfolgsstories. Hier darf man auch mal sagen: „Ich habe letzte Woche an mir gezweifelt.“ Und dann merkt man, dass das in Ordnung ist.
Selbstzweifel sind kein Zeichen von Schwäche
Wenn du dich manchmal fragst, ob du gut genug bist für das, was du tust: Das ist normal. Das geht den meisten so. Und es sagt nichts über deine tatsächliche Kompetenz aus.
Was wirklich hilft, sind keine motivierenden Sprüche auf Instagram. Was hilft, sind Menschen, die ehrlich mit dir sind. Die deine Stärken sehen, auch wenn du sie selbst gerade nicht siehst. Und die sagen: „Mach weiter. Du bist besser, als du denkst.“
Solche Menschen habe ich gefunden. Viele davon. Und das hat mehr verändert als jeder Motivationspost.
Quellen

