Frauen haben weniger Zugang zu Netzwerken. Und dann auch noch falsche Bilder im Kopf.
Der Female Founders Monitor 2025 von Startup-Verband und Bertelsmann Stiftung bringt es nüchtern auf den Punkt: Aufgrund homogener Strukturen fehlt Frauen der Zugang zu relevanten Netzwerken. Gleichzeitig sehen 87 Prozent der Gründerinnen den Gendergap als ernste Herausforderung. Bei den männlichen Gründern sind es nur 50 Prozent. Wer also auf gewachsene Männernetzwerke wartet, die sich von selbst öffnen, wartet lange.
Die Antwort darauf ist eigentlich simpel: sich aktiv eigene Netzwerke bauen. Frauen mit Frauen, Branche mit Branche, Solo mit Solo. Genau das tun aber viele nicht. Sie wissen, dass es klug wäre. Sie merken, dass ihnen ehrlicher Austausch fehlt. Und trotzdem kommen sie nicht in die Gänge.
Der Grund liegt fast immer im Kopf. Was viele über Netzwerken zu wissen glauben, ist schlicht falsch. Zeit, die fünf hartnäckigsten Missverständnisse einmal sauber aufzudröseln.
Missverständnis 1: Netzwerken ist Visitenkartentausch und Smalltalk
Das hartnäckigste Bild zuerst. Viele denken bei Netzwerken an Steh-Empfänge mit Häppchen, an Visitenkarten, die hin und her wandern, an aufgesetzte Gespräche, die nirgendwohin führen. Wer Netzwerken so erlebt hat, will da verständlicherweise nicht mehr hin.
Echtes Netzwerken sieht anders aus. Es geht um Verbindungen, nicht um Kontaktdaten. Um Gespräche, in denen wirklich etwas hängenbleibt. Um Frauen, die dich nach drei Monaten anrufen, weil ihnen bei deinem Thema spontan jemand eingefallen ist. Das passiert nicht beim oberflächlichen Visitenkartentausch. Das passiert, wenn du dir Zeit nimmst und dich auf ein echtes Gespräch einlässt.
Wenn ein Format nur Smalltalk ist, ist es das falsche Format. Nicht alle Netzwerktreffen sind gleich. Lohnt sich, hinzuschauen, was du dir da gerade aussuchst.
Missverständnis 2: Networking ist nur was für Extrovertierte
Der Klassiker unter den Selbstausreden. Die Wahrheit: Viele introvertierte Unternehmerinnen netzwerken besser als die lautesten Stimmen im Raum. Weil sie zuhören. Weil sie Fragen stellen. Weil sie nach dem Treffen tatsächlich nachfassen.
Networking heißt nicht, dich in den Mittelpunkt zu drängen. Es heißt, dich auf andere einzulassen. Und das geht im Zweiergespräch genauso gut wie in einer großen Runde. Manche unserer Mitglieder fühlen sich auf großen Events kaum wohl und haben trotzdem ein starkes Netzwerk. Sie kommen zu kleinen Online-Treffen, schreiben aktiv im Chat, melden sich nach Vorträgen mit einer konkreten Frage. Das reicht. Mehr braucht es nicht.
Missverständnis 3: Ich muss erst erfolgreich sein, bevor ich mich vernetzen darf
Diese Logik bremst Gründerinnen oft jahrelang aus. Der Gedanke dahinter geht ungefähr so: Was soll ich denen denn bieten, ich habe ja noch nichts vorzuweisen. Das Problem an diesem Gedanken: Er stellt Netzwerken als Tauschgeschäft dar, in dem du eine Leistung anbieten musst, um drin zu sein. So funktioniert es aber nicht.
Du musst nichts vorweisen, um Teil eines Netzwerks zu sein. Was du brauchst, sind ehrliche Fragen, echtes Interesse und die Bereitschaft, auch mal selbst weiterzuhelfen, wenn es passt. Wer wartet, bis sie genug erreicht hat, wartet meistens zu lange. Gerade die ersten Jahre sind die, in denen ein gutes Netzwerk am meisten Unterschied macht. Weil du da die Fragen hast, die andere bereits durchlebt haben.
Missverständnis 4: Andere Frauen in meiner Branche sind Konkurrenz
Das hört man immer wieder, vor allem in dichten Märkten wie Coaching, virtueller Assistenz oder Online-Business. Wenn ich mich mit anderen aus meiner Branche austausche, klauen die mir doch meine Ideen. Oder: Wir buhlen ja eh um dieselben Kundinnen.
Beides stimmt in der Praxis fast nie. Kundinnen wählen nicht nach Branche, sondern nach Mensch. Wer zu dir passt, passt nicht automatisch zu jeder Kollegin. Andersherum genauso.
Der größere Hebel: Frauen aus deiner Branche verstehen deine Themen wirklich. Sie sind oft die einzigen, mit denen du über die kleinen Spezialprobleme deines Arbeitsalltags reden kannst, ohne ewig erklären zu müssen. Diese Form von Austausch ist Gold wert. Kooperation statt Konkurrenz ist deshalb keine leere Phrase, sondern ein nüchterner Blick auf das, was wirtschaftlich tatsächlich funktioniert.
Missverständnis 5: Ein gutes Netzwerk entsteht von alleine, wenn ich gute Arbeit mache
Eine schöne Idee, leider falsch. Gute Arbeit ist die Basis, klar. Aber ein Netzwerk entsteht nicht passiv. Wer darauf wartet, dass andere von selbst auf einen zukommen, weil die Arbeit ja für sich spricht, wartet meistens sehr lange.
Netzwerken ist ein aktiver Prozess. Du musst hingehen, sichtbar sein, dranbleiben. Nicht jeden Tag, nicht stundenlang, aber regelmäßig. Eine Nachricht hier, ein Online-Termin da, ein Kaffee mit einer Kollegin. Über die Zeit baut sich daraus ein Geflecht auf, auf das du dich verlassen kannst. Wenn du nichts tust, baut sich nichts auf. So nüchtern ist das.
Was wirklich hilft
Wenn du diese fünf Missverständnisse erstmal aus dem Kopf hast, wird Vernetzung deutlich leichter. Damit aus dem Vorsatz auch was wird, hier ein paar konkrete Anker für den Alltag:
- Geh regelmäßig in dasselbe Format, statt überall ein bisschen reinzuschnuppern. Tiefe schlägt Breite. Bekannte Gesichter machen Vertrauen leichter, und Vertrauen ist die Währung, in der Netzwerke funktionieren.
- Schreib nach Treffen kurz nach. Eine Nachricht reicht, zum Beispiel: Schön war’s, dein Thema XY ist mir hängengeblieben. Mehr braucht es nicht, um aus einem Kontakt eine Verbindung zu machen.
- Stell konkrete Fragen, statt dich vorzustellen. Frag, was die andere gerade beschäftigt oder woran sie aktuell arbeitet. Aus solchen Fragen entstehen echte Gespräche, aus Standard-Vorstellungsrunden eher selten.
- Hilf weiter, wenn du kannst, ohne sofort eine Gegenleistung zu erwarten. Empfehlungen kommen meistens zurück, nur eben nicht gleich und nicht von genau derselben Person. Das ist okay.
- Sei verlässlich. Wer Termine einplant und dann doch nicht kommt, ohne Bescheid zu geben, verbrennt Vertrauen. Lieber selten zusagen und dann wirklich da sein.
- Such dir Räume, in denen du dich nicht verstellen musst. Wenn du den Ton eines Netzwerks unangenehm findest oder ständig das Gefühl hast, eine Rolle spielen zu müssen, ist das ein klares Signal. Dann ist es einfach nicht dein Ort.
Quellen
Startup-Verband und Bertelsmann Stiftung: Female Founders Monitor 2025

